Weingeschichte – Die ersten Großreiche und die Erfindung des Weinbaus

Fast unglaubliche 8.000 Rebsorten kennt man heute auf dieser Erde und sie haben alle eine Mutter: vitis vinifera Sativa und die ist eine Diva, genau wie ihre Kinder.

Unserer Diva ist es nämlich lange nicht egal wo sie wächst, wie der Boden beschaffen ist, wieviel Wasser es gibt und wieviel Sonne.

Sie hätte gerne eine Vegetationsperiode von 180 Tagen (nicht viel mehr und nicht viel weniger). Die Dame benötigt ausreichend Schlaf (sprich Winterruhe), sonst setzt sie kein Holz an und das wäre schlecht. Temperaturen von unter minus 20 Grad Celsius gehen gar nicht, da erfriert sie schlichtweg. Späte Fröste tun den Trieben nicht gut, zu frühe Fröste schaden dem Laub, die Trauben reifen nicht und Schluss ist mit der Herrlichkeit. Wasser braucht sie, aber bitte nicht zu viel. Ein bisschen hungern tut ganz gut … eine Diva eben. Und ein einnehmendes Wesen hat sie auch, denn sie rankt an allem hoch und in alles hinein, das irgendwie zu greifen ist, weshalb nicht wenige Winzer sie auch gerne als „Unkraut“ bezeichnen und wer eine solche Diva etwa im Garten oder auf der Terrasse stehen hat, der weiß wovon ich rede: Sie hat ihre Finger wirklich überall. Kein Wunder auch, sie ist ein Lianengewächs.

Ihre ursprüngliche Heimat? Das ist das Zweistromland, Kleinasien, irgendwo zwischen Euphrat, Tigris, Zagros- und Taurus-Gebirge. Von hier zog sie aus die Welt (naja zumindest die ihrer Ansicht nach bewohnbaren Teile davon) zu erobern. Vor etwa 6.000 Jahren wurden sie geboren, die vitis vinifera und das Getränk, das man aus ihr gewinnt: der Wein.

Weinlese Ägypten
Weinlese, Grab des Nacht(TT52) [Public domain], via Wikimedia Commons

Ägypter, Babylonier und der Wein

Schon die Ägypter kannten und schätzten den Wein, zunächst als Importware, aber bald schon entdeckten sie, dass man Wein auch in Ägypten anbauen kann, zumindest im bewässerten Nildelta. Tutanchamun bekam 24 Amphoren davon mit auf die Reise in die jenseitige Welt; nicht pur allerdings, man pflegte den Wein mit Terebinthenharz zu versetzen und mit Myrrhe, aber auch mit anderen Früchten und vor allem Kräutern und Gewürzen. Das wurde noch lange so gemacht.

Und vielleicht unglaublich, aber dennoch wahr: so alt der Wein, so alt die Weingesetze (es gibt eben Dinge, die sich nie ändern). Das wohl erste erhaltene Weingesetz stammt aus Babylon. Es ist der um das Jahr 1760 v. Chr. entstandene Codex Hammurapi, der neben vielem anderem auch regelt wie die Priesterinnen mit dem Wein umzugehen haben.

Überhaupt gibt es aus der Zeit des Königs Hammurapi viele schriftliche Zeugnisse, die sich mit Wein beschäftigen, vor allem mit dem Weinhandel, der offenbar schon damals reichlich betrieben wurde.

Aber irgendwann geht alles einmal zu Ende und so war es auch mit der Blütezeit Babylons. Die Nachfolger allerdings standen schon in den Startlöchern: die Assyrer.

Dornfelder
Dornfelder Traube – Foto: A. Kircher-Kannemann

Assyrer, Hethiter und der Wein

Reiche vergehen, auch Weltreiche, aber der Wein, der bleibt. Und als die Babylonier so langsam aber sicher den Bach oder besser gesagt: den Fluss hinuntergingen, da kamen die Assyrer und boten sich als Nachfolger in Sachen Wein an, denn auch sie hatten einen guten Geschmack und einen feinen Gaumen.

Aus dem Reich der Assyrer ging das der Hethiter hervor und sie ahnen es bereits: auch die machten in Sachen Wein. Ihre Hauptstadt hieß Hatusha und eben dort hat man viel Texte gefunden, die sich mit dem Weinbau und dem Weinhandel beschäftigen. Aber die Hethiter übernahmen nicht nur althergebrachtes, sie machten eine Sache anders: War in allen anderen Kulturen bis dato Wein zwar bekannt und in aller Regel das Lieblingsgetränk der Schönen, Reichen und Großen, Bier aber das Massen- und somit das wichtigere Getränk, kehrten die Hethiter den Spieß um und erstmals in der Geschichte unserer Welt wurde Wein zu „dem“ Getränk schlechthin (allerdings immer noch für die, die es sich leisten konnten, da hat sich also nichts geändert).
Auch in Sachen Weinbau taten Assyrer und Hethiter sich hervor und förderten ihn allerorten. Vor allem die Könige ließen neue Rebflächen anlegen. Allerdings darf man sich die nicht so vorstellen wie heutige Weinberge: zumeist waren die Rebflächen flach und die Reben hatten auch keine „künstlichen“ Rankhilfen sondern wuchsen an Bäumen empor (sozusagen kultiviertes Unkraut eben).
Damit aber war der Neuerungen nicht genug: man fand oder erfand nun auch den weißen Wein. Zumeist hatte es in der bisherigen Geschichte Rotwein gegeben.
Interessant ist auch der Imagewandel, den der Wein jetzt durchmachte: galt er bis dahin quasi als göttliches Getränk, das vor allem bei kultischen Handlungen genutzt wurde, so konnte man nun einen König (Assurbanipal) sehen, der ganz relaxt auf einer Liege unter einer Weinranke liegt und es sich mit einem Becherchen des Rebensaftes gut gehen lässt!

 

Banquet Scene
Der König geniesst den Wein – Bankett-Szene
Foto: British Museum Creative Commons Attribution-NonCommercial-ShareAlike 4.0 International (CC BY-NC-SA 4.0) license.
The Banquet Scene
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Wenn man jetzt Anhänger der Prohibition wäre, dann würde man sicher sagen, dass das den Anfang vom Ende eines Großreiches bedeutet, dass dies ein Ausdruck von Laster und Dekadenz sei.

Ich würde nur zu gerne widersprechen, doch tatsächlich markiert diese Szene im Grunde das Ende des assyrischen Reiches. Nur 15 Jahre nach dem Tod Assurbanipals war mal wieder alles vorbei.

 

Persien, ein bisschen Bibel und der Wein

Was man sich heute in Zeiten des Iran kaum mehr vorstellen kann: Die Perser liebten Wein! Vor allem ihr König Kyros war ein großer Weinliebhaber, das schreiben zumindest die beiden griechischen Historiker Herodot und Xenophon. Und Kyros liebte den Wein nicht nur selbst, er benutzte ihn auch um Feinde zu besiegen, das sagt zumindest wieder einmal Herodot:

„Wie ich erfahre sind die Massageten unkundig der persischen Güter und haben von all den Herrlichkeiten noch nichts gekostet. Lass also viele Schafe abschlachten und zurecht machen, ohne zu sparen, und lass solchen Männern in unserem Lager ein Mahl vorsetzen, lass überdies auch Krüge mit ungemischtem Wein und mancherlei Speisen reichlich herbeischaffen.“[1]

Auch die Bibel weiß Geschichten über die Perser und den Wein zu erzählen, genauer gesagt ist es das Buch Esther in dem eine solche Geschichte steht:

7 Man trank aus goldenen Gefäßen, von denen keines den andern gleich war. Großzügig ließ der König seinen Wein ausschenken.
8 Bei dem Gelage sollte keinerlei Zwang herrschen. Denn der König hatte seinen Palastbeamten befohlen: Jeder kann tun, was ihm beliebt.
9 Auch Königin Waschti gab ein Festmahl für die Frauen, die im Palast des Königs Artaxerxes lebten. Waschtis Befehlsverweigerung
10 Als der König am siebten Tag vom Wein angeheitert war, befahl er Mehuman, Biseta, Harbona, Bigta, Abagta, Setar und Karkas, den sieben Eunuchen, die ihn persönlich bedienten,
11 Königin Waschti im königlichen Diadem vor den König zu bringen, damit das Volk und die Fürsten ihre Schönheit bewunderten; denn sie war sehr schön.
12 Aber Waschti, die Königin, weigerte sich, dem Befehl des Königs, den die Eunuchen überbracht hatten, zu folgen und zu kommen. Da wurde der König erbost und es packte ihn großer Zorn.[2]
Damit hatte es sich was mit dieser Königin. Die Nachfolgerin wurde Esther.

Der Mann muss eine große Leber und ein beeindruckendes Fassungsvermögen gehabt haben. Zur Nachahmung jedenfalls ist das nicht empfohlen.

Offenbar war es in jenen Zeiten normal, dass Wein als Mittel eingesetzt wurde, vor allem als Mittel für Morde. Nachlesen lässt sich das auch im Buch Judit:

1 Als es dann Nacht geworden war, brachen seine Diener eilig auf. Bagoas schloss von außen das Zelt und trennte so die Diener von seinem Herrn. Sie suchten ihr Nachtlager auf, denn sie waren alle von dem ausgedehnten Mahl ermüdet.
2 Judit allein blieb in dem Zelt zurück, wo Holofernes, vom Wein übermannt, vornüber auf sein Lager gesunken war.
3 Judit hatte ihrer Dienerin befohlen, draußen vor ihrem Schlafgemach stehen zu bleiben und wie alle Tage zu warten, bis sie herauskäme; sie werde nämlich zum Gebet hinausgehen. Im gleichen Sinne hatte sie auch mit Bagoas gesprochen.
4 Inzwischen hatte sich die ganze Gesellschaft entfernt und es befand sich kein Mensch mehr im Schlafgemach des Holofernes. Judit trat an das Lager des Holofernes und betete still: Herr, du Gott aller Macht, sieh in dieser Stunde gnädig auf das, was meine Hände zur Verherrlichung Jerusalems tun werden.
5 Jetzt ist der Augenblick gekommen, dass du dich deines Erbbesitzes annimmst und dass ich mein Vorhaben ausführe, zum Verderben der Feinde, die sich gegen uns erhoben haben.
6 Dann ging sie zum Bettpfosten am Kopf des Holofernes und nahm von dort sein Schwert herab.
7 Sie ging ganz nahe zu seinem Lager hin, ergriff sein Haar und sagte: Mach mich stark, Herr, du Gott Israels, am heutigen Tag!
8 Und sie schlug zweimal mit ihrer ganzen Kraft auf seinen Nacken und hieb ihm den Kopf ab.[3]

Bitte nicht nachmachen und bitte nicht zum Vorbild erheben!

Auf jeden Fall wird klar: Alkohol, auch Wein, kann durchaus lebensgefährlich sein.

 

 

 

 

 

 

[1] Herodot, 1,207.

[2] Bibel: Buch Esther, Kap. 1, Einheitsübersetzung.

[3] Bibel, Buch Judit, Kap. 13, Vers 1, Einheitsübersetzung.

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